Ein Vortrag im Rahmen der Interkulturellen Woche am Montag, 26.09.2016

Mona Bouazza von Fair Trade Lebanon und Übersetzer Felix Gies von El Puente berichteten über die positiven Auswirkungen des Fairen Handels auf Kleinbauern im Libanon.

Am Vortag hatte Alt-Bundespräsident Horst Köhler in einem ZDF-Interview u.a. erklärt, Wirtschaftliche Kooperationen und vor allem eine verbesserte Ausbildung für die Menschen in Afrika seien die Grundlage für Wirtschaftswachstum. „Wir müssen ein stetiges massives Wirtschaftswachstum nach Afrika bringen, sonst wird sich die Situation der Fluchtmotive nicht ändern“.

Hier setzt der Faire Handel schon seit mehr als 40 Jahren an. Fairer Handel ist mehr als nur ein höherer Preis für Kaffee. Fairer Handel ist Partnerschaft auf Augenhöhe, bedeutet langfristige Kooperationen, insbesondere mit Kleinbauern und Kooperativen, aber auch Ausbildung und Fortbildung. So Claudia Klatt vom Eine Welt Verein in ihrer Begrüßung der beiden Referenten von Fair Trade Lebanon und El Puente.

Bereits am Nachmittag hatte Mona Bouazza vor einem kleineren Publikum auf arabisch die Wirkungsweise des Fairen Handels am Beispiel der libanesischen Kleinbauern erklärt. Die Anwesenden - zumeist syrische Flüchtlinge - nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen, insbesondere auch zu einem UN-Projekt, bei dem syrische Flüchtlingsfrauen im Libanon Arbeit und Ausbildung finden.

Libanon hat viele Probleme, so Mona Bouazza in ihrem Abendvortrag. Mangelnde wirtschaftliche Perspektiven verursachen Landflucht, es gäbe keine Kooperativen wie hier in Deutschland, auch die Politik hätte keine Strategie für die Landwirtschaft. Die Standards würden nicht für den Export genügen. Durch die Landflucht gibt es in der libanesischen Landwirtschaft ein Generationenproblem durch Überalterung. Frauen hätten kaum Aussicht, gute Arbeit zu finden, da die Landwirtschaft traditionell von Männern betrieben würde, die auch die Grundbesitzer wären.

Die NGO Fair Trade Lebanon wurde 2006 gegründet, nach dem Libanesisch-Israelischen Krieg. Besonders die Gebiete im Süden des Landes waren von Armut betroffen. Als mögliches Werkzeug zur Armutsbekämpfung wurde der Faire Handel erkannt, der den Menschen vor Ort bessere Grundlagen bieten, Exportmöglichkeiten schaffen, für vernünftige Löhne und ein eigenes kleines Geschäft sorgen kann.

Die Hauptaktivitäten der NGO erstrecken sich über das Qualitätsmanagement, das Produkte exportfähig macht, über die Weiterverarbeitung der Produkte vor Ort bis hin zur Bildungsarbeit. Damit bleibt die Wertschöpfung im Land und die Menschen lernen die Möglichkeiten des Fairen Handels kennen. Mona Bouazza ist neben der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch für die Bildungsarbeit im ganzen Land zuständig und hält viele Vorträge in Schulen.

Fair Trade Lebanon arbeitet mittlerweile mit neu gegründeten Kooperationen im ganzen Land zusammen. 60 Produkte sind im Portfolio, die Marke „Terroirs du Liban“ wurde neu geschaffen und vertrieben, ein eigener Laden in Beirut bedient den örtlichen Markt.

Partner sind hauptsächlich der Faire Handel. FTL ist seit 2010 Mitglied im WFTO, Produkte wie Wein, Oliven, Kichererbsen, Linsen, Sesam, Tomaten und weiterverarbeitete Produkte sind FLO-zertifiziert.

Bei FTL arbeiten 27 spezialisierte Fach-Angestellte in unterschiedlichsten Abteilungen: Export, Marketing, Finanzen. Finanziert wird die Arbeit der NGO durch Fonds und mit Mitteln der EU, der französischen Botschaft und der AFD. Nein, nicht der neuen deutschen Partei, sondern der „Französischen Agentur für Entwicklung“.

Heute bedient FTL mit seinen Produkten nicht nur den heimischen Markt sondern liefert auch nach Europa, Australien, Lateinamerika und in die Golfregion. Der eigene Laden wird durch Aktivitäten wie z.B. Catering ergänzt. Die Weiterverarbeitung der Agrarprodukte ist sehr wichtig, aktuell leben 200 Menschen indirekt davon: Bauern erzeugen die Rohstoffe, Kleinbetriebe produzieren die Verpackung, Designer und Drucker liefern die Aufkleber und Flyer. 850 Menschen profitieren direkt von der Arbeit in Kooperativen durch die Weiterverarbeitung. Mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Dies zeigte Mona konkret am Beispiel Hummus, der vom Publikum nach dem Vortrag verkostet werden konnte: Bauern bauen grüne Kichererbsen an, Kooperativen trocknen, kochen, mixen und mischen sie mit Tahini und Gewürzen. Der fertige Hummus wird dann in Gläser verpackt und sterilisiert und nach der Qualitätskontrolle zum Versand gebracht. Und schmeckt wie selbst gemacht.

Von den insgesamt 5 Projekten der NGO stellte Mona zwei vor:

Im US-Projekt SOFAIR werden Frauen in ländlichen Gebieten ausgebildet und bestärkt, die Arbeit bietet ihnen Unabhängigkeit durch die Stärkung ihrer finanziellen Situation. Da das Produkt sich auch im Ausland verkaufen lassen muss, werden die Kosten durch gute Ausbildung reduziert, durch Verbesserung der Ausrüstung, Verkaufsschulungen und QS-Kontrolle.

Das zweite Projekt: UN WOMEN, dessen Fokus auf Frauen liegt, die von der syrischen Krise betroffen sind. Libanon, ein Land mit 4,5 Mio Einwohnern, beherbergt seit Jahren ungefähr 2 Mio syrische Flüchtlinge, das sind 33% der Bevölkerung. Libanon ist ein armes Land und die schlechte Infrastruktur und die eigenen Krisen werden durch die Flüchtlingsproblematik verstärkt. Obwohl sie die gleiche Sprache sprechen, obwohl sie dieselbe Religion haben, gibt es doch Spannungen, nicht zuletzt weil in manchen Regionen mehr syrische Flüchtlinge als Einheimische leben.

Hier versucht das UN Projekt Lösungen zu finden: es bietet Kompetenztrainings für libanesische Frauen gemeinsam mit syrischen Flüchtlingsfrauen an, Fähigkeiten und Kenntnisse werden aufgebaut, die wirtschaftliche Situation der Frauen gestärkt. Das Projekt ist hauptsächlich im Norden des Landes tätig, bietet Schulungen in der Lebensmittel-Weiterverarbeitung, Kochen und Marketing, aber auch im Kunsthandwerkbereich und für hygienische Standards werden den Frauen Kenntnisse weitervermittelt. „They have something to offer“. Nebenbei bauen diese Schulungen Ängste und Spannungen ab, aus Fremden werden Kolleginnen und Freundinnen. Obwohl die syrischen Flüchtlinge eigentlich laut Gesetz nicht im Libanon arbeiten dürfen, werden die Frauen in diesem Projekt nach Fairhandels-Standards bezahlt und behandelt.

Und noch ein neues Projekt ist in Planung: FTL möchte ein Restaurant eröffnen, um noch mehr Frauen in Lohn und Arbeit zu bringen.

Ökolandbau sei allerdings noch sehr schwierig, da sich in den Kooperativen sehr viele Bauern mit kleinen Parzellen zusammenschließen und alle zertifiziert werden müssten. Bei Trauben und Oliven sei die Biozertifizierung bereits erfolgreich, andere Produkte folgen.

Der Weltladen Reutlingen vertreibt folgende Produkte von Fair Trade Lebanon:

  • Kichererbsen, getrocknet
  • Kichererbsenmehl
  • Rote Linsen
  • Bulgur (fein)
  • Hummus
  • Baba Ghanoush – ein Auberginenaufstrich
  • Feigenaufstrich mit Sesam
  • Za‘atar
  • Verschiedene Salze
  • Arrak

Die Veranstaltung fand statt im Rahmen der Interkulturellen Woche 2016 und wurde gefördert mit Mitteln der IKW, von El Puente und der Stiftung Entwicklungszusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ).

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